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Wie Frauen gründen und warum Frauen sich beim Gründen mehr zutrauen sollten

Nur 15% der Start-up Gründer*innen in Deutschland sind weiblich – dabei sind frauengeführte Start-ups in der Regel stabiler und nachhaltiger. Zudem sind die von Frauen gegründeten Unternehmen eher an sozialen Themen orientiert, Frauen wagen sich seltener in der Tech-Branche vor – woran mag das liegen?

Frauen arbeiten (oft) anders als Männer. Und das auf verschiedenen Ebenen: Wesentlich häufiger entscheiden sich Frauen für soziale und sogenannte Care-Berufe und wählen seltener naturwissenschaftlich geprägte Studiengänge aus. Letzteres ist ein Trend, der sich auch in Zukunft hartnäckig weiter fortsetzen könnte. So ergab beispielsweise eine Sonderauswertung der Pisa-Studie 2018 durch die OECD, dass noch heute junge Mädchen im Alter von 15 Jahren sich wesentlich seltener als gleichaltrige Jungen vorstellen können, später einmal in einem naturwissenschaftlich oder technisch geprägten Beruf zu arbeiten.

„Die Mädchen benannten für ihre berufliche Zukunft […] häufiger erzieherische Berufe oder das Gesundheitswesen. So sehen sich die meisten 15-jährigen Mädchen in Deutschland (10,4 Prozent) im Alter von 30 wieder in der Schule: als Lehrerin. Dahinter folgen Ärztin (10), Erzieherin (6,4) und Psychologin (4,5). Die meisten Jungen hingegen erwarten, dass sie mit 30 Jahren IT-Spezialist (6,7 Prozent), Industrie- und Automechaniker (5,2 und 5,1), Polizist (4,5) oder Lehrer (3,8) sein werden.“ (Quelle: Zeit.de)

Ein Grund, der sich zumindest in Bezug auf erwachsene Frauen mit Kinderwunsch nicht von der Hand weisen lässt, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auf die Frauen deutlich häufiger Rücksicht nehmen (müssen). Care-Berufe, zu denen auch die Tätigkeiten als Lehrerin, Erzieherin oder auch als Ärztin und Pflegerin zählen, sind im Allgemeinen einfacher mit einem Familienleben zu vereinbaren als eine Führungsposition in einem großen Unternehmen. Sie werden daher deutlich stärker von Frauen frequentiert, was dazu führt, dass Frauen laut BMFSFJ mehr als doppelt so viel Care-Arbeit leisten wie Männer.

Frauen gründen häufiger im Nebenerwerb und neben der Familie

Nicht überraschend ist es daher, dass sich ähnliche Ergebnisse auch wiederfinden, wenn man sich in der deutschen Start-up Landschaft umsieht: Frauen gründen und arbeiten auch hier anders als ihre männlichen Mitstreiter, und bisher machen Frauen auch nur 15% der Gründer*innen in Deutschland aus (Quelle: Female Founders Monitor). Und dafür gibt mannigfaltige Begründungen.

So heißt es in einem Artikel der Harvard Busines Review: “Multiple academic studies have shown that there is a strong gender bias in many different elements of the pitch process. For instance, one study from 2014 used identical slides and scripts, voiced by men and women, with or without photos of the ‘presenter’, and then asked study participants to rate the investment. Pitches voiced by men significantly outperformed those with a woman narrator, and pitches where the narrator’s picture was a good-looking man performed best of all. Outcomes were the same whether the participants (‘judges’) were male or female. The researchers concluded, ‘Investors prefer pitches presented by male entrepreneurs compared with pitches made by female entrepreneurs, even when the content of the pitch is the same.’” 

Frauen beziehen deswegen Gründungskapital meist aus dem privaten Familien- oder Bekanntenkreis. Dabei zeichneten sich die Start-ups von Gründerinnen bisher im Wesentlichen dadurch aus, dass sie im Durschnitt langlebiger und stabiler sind als männlich geführte Start-ups. (Quelle: hercareer.de / Boston Consulting Group)

Allerdings liegt somit die Vermutung nahe, dass Frauen sorgfältiger und gewissenhafter mit ihren finanziellen Mitteln haushalten.

Ein weiterer Unterschied zu männlichen Gründern ist der, dass  Frauen öfter aus der „Not“ heraus gründen (Quelle: Starting Up): Bei vielen ist es die Schwangerschaft/Elternzeit und das damit meist verbundene Ausscheiden aus dem bisherigen Beruf, das sie dazu bringt, ihre eigenen Unternehmen zu gründen – neben der Familie. Michelle Bäßler (Gründerin von COSI, einem Coworking Konzept mit angeschlossener Kinderbetreuung) weiß auch, warum: „Frauen gründen häufig in der Elternzeit, weil es ihnen immer noch schwer gemacht wird, nach einer Schwangerschaft wieder in den alten Job einzusteigen“, verrät sie in einem Interview im Spiegel.

Zwar hat man Anspruch darauf, nach der Elternzeit auf eine gleichwertige Position wie die vorige zurückzukehren. Doch ist das für manche Frauen entweder nicht möglich, weil sie z. B. alleinerziehend sind und die zeitlichen Kapazitäten fehlen oder weil sie als nunmehr Mütter in ihren alten Stellen nicht mehr als genauso zuverlässig und belastbar angesehen werden. Denn wenn Kinder erkranken, die Kita geschlossen bleibt oder ähnliches, dann sind es meist nach wie vor die Mütter, die dies ausgleichen (müssen). Sei es, weil sie es wollen, der Beruf des*der Partner*in es nicht anders zulässt oder weil es von ihnen erwartet wird.

Frauen orientieren sich beim Gründen eher an sozialen und gesellschaftlichen Themen

Frauen haben demnach andere Beweggründe und Voraussetzungen als Männer, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Damit dürfte auch zusammenhängen, dass Frauen auch andere Arten von Unternehmen gründen, als es ihre männlichen Kollegen tun: Denn meist sind es gesellschaftliche und/oder soziale Fragestellungen, an denen sich Frauen bei der Gründung der Unternehmen orientieren, wie z. B. auch die bereits genannte Michelle Bäßler (Quelle: Spiegel.de und Ingenieur.de). Wahrscheinlich ist es die persönliche Betroffenheit, die viele von ihnen zu ihren jeweiligen Gründungsthemen bringt. Die Lebenswelt von Frauen beinhaltet naturgegeben häufig Situationen, in denen sich Männer in der Regel nicht oder nur selten wiederfinden können und daher nicht nachvollziehen können. Daher gründen sie häufiger in den Bereichen Gesundheit und Wellness, aber auch Erziehung, Einzelhandel und gastronomische Themen stehen bei ihnen hoch im Kurs.

Vorbildfunktion in anderen Bereichen fehlt

Klar ist, Frauen sind seltener risiko- und wettbewerbsfreudig als Männer, wenn es ums Gründen geht. Zudem gründen tatsächlich überproportional viele Frauen mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund oder aus dem Bereich Kunst/Grafikdesign – weniger solche, die selbst in MINT-Fächern studiert haben (Quelle: Ingenieur.de), da sie meist den direkten Wettbewerb mit männlichen Konkurrenten um eine Marktplatzierung scheuen.

Doch ist diese Geschlechteraufteilung in den Gründungsbranchen nicht unmöglich zu durchbrechen. Dazu bräuchte es allerdings Pionierinnen nicht nur aus den entsprechenden Bereichen, die mit einem positiven Beispiel vorangehen: „Frauen müssen wissen, dass man selbst nicht Informatik studiert haben muss, um ein IT-Unternehmen aufzubauen.“, so Gründerin Natascha Hoffner in einem Artikel auf her-career.com. Denn auch etwa 40% der männlichen Gründer von IT Start-ups kämen nicht etwa aus der IT-Branche, sondern haben Volkswirtschaft studiert und verfügen daher ebenfalls nicht über einen entsprechenden Background. Zum Teil ist es daher womöglich die Einstellung der Gründerinnen selbst, die sich langfristig ändern muss – bevor sich die Start-up Welt selbst ändern kann.