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Ostdeutsche in der Wissenschaft

In diesem Jahr feiert der Mauerfall seinen 30. Geburtstag. Im Zuge dieses Jubiläums haben wir uns ein wenig mit der Aufteilung deutscher Führungspositionen zwischen West- und Ostdeutschen auseinandergesetzt und mussten feststellen, dass die Wiedervereinigung in der Führungsetage noch auf sich warten lässt.

Heute nehmen wir die Universitäten etwas genauer unter die Lupe. Die Deutsche Gesellschaft e.V. geht in einer ihrer Onlinepublikation davon aus, dass 14% der heutigen Universitätsrektoren in den neuen Bundesländern ihre Sozialisation in der DDR bzw. nach 1990 in den neuen Bundesländern erlebt haben. In Zahlen wurden 22 Universitäten in Ost-Deutschland analysiert, drei davon wurden durch Präsidenten/Rektoren mit ostdeutscher Biografie geleitet. Im Anbetracht der Bevölkerungsstruktur – die neuen Bundesländer machen 17% der deutschen Gesamtbevölkerung aus – mag das zunächst durchaus repräsentativ klingen. Das Centrum für Hochschulentwicklung hat in diesem Jahr jedoch Zahlen präsentiert, die den Eindruck korrigieren. Von den 81 größten deutschen Universitäten wird keine einzige durch eine/n Ostdeutsche/n geleitet. Auch bei den Universitätsprofessuren sieht es nicht viel besser aus! Zwar gibt es für die Universitätsprofessuren keine belastbaren Zahlen, fest steht allerdings, dass nach 1989 besonders die sozial- und geisteswissenschaftlichen Professuren vorrangig mit westdeutschen Jungforschern nachbesetzt wurden. Heute machen ostdeutsche Sozialwissenschaftsprofessoren nur noch 5% aller sozialwissenschaftlichen Professuren aus. Bei den über 100 großen Forschungsinstituten (bspw. Fraunhofer-, Max-Planck- oder Helmholtz-Zentren) sieht es etwas besser aus. Dort werden 15 % der Spitzenpositionen durch Ostdeutsche wahrgenommen.

Neben westdeutschen Jungprofessoren gab es auch viele so genannte Übergangsprofessoren – meist junge Forscher aus der DDR, die sich weigerten, in die SED einzutreten und systemkritisch eingestuft wurden. Das prominenteste Beispiel dürfte dabei wohl Cornelius Weiss sein, der in den 1990ern lange Zeit einer der ganz wenigen Ostdeutschen war, die es bis zum Rektor einer Universität brachten. Die überwiegende Mehrzahl dieser Übergangsprofessoren hatten aber selbst zur Jahrtausendwende, also zehn Jahre nach der Wende, karrieretechnisch keinen Sprung an die Spitze einer öffentlichen Hochschule schaffen können. Im Schnitt haben sie zudem sogar zehn Prozent weniger verdient als ihre westdeutschen Kollegen – mit weitreichenden Folgen. Heute ist die Gruppe der Übergangsprofessoren im Altersruhestand, ohne politische Lobby und aus Altersgründen kaum in der Lage sich Gehör zu verschaffen. 700 € bekommt ein solcher in der DDR geborener Übergangsprofessor weniger als die DDR-Bestandsrentner.

Der ostdeutsche Professor Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz sieht allerdings keine Diskriminierung in den Berufungsverfahren. Er glaubt vielmehr, „(…), dass Ostdeutsche vielfach die Risiken einer akademischen Karriere scheuen.“ Prof. Timo Meynhardt von der Universität Leipzig sieht das ähnlich. In einem Interview mit der Zeit aus dem Jahr 2016 gibt er eine weitere Vermutung preis: „Meine Erfahrung ist, dass die Gleichaltrigen aus dem Westen am wenigsten mit uns umgehen können. Denn oft fällt es Ihnen schwer, zu akzeptieren, dass da gerade einer aus dem vermeintlichen Dunkeldeutschland an ihnen vorbeizieht.“

Viele der west-deutschen Professoren, die Anfang der 1990er nach Ost-Deutschland gegangen sind, sind nun in einem Alter, in welchem sie an den Altersruhestand denken. Der dadurch anstehende Generationenwechsel bietet daher Chancen auch und insbesondere für ostdeutsche Bewerber.